Was steckt hinter einer Phobie und was kann man tun? Ein kleiner Hund schaut durch einen Zaun.

Hinter jeder Phobie steckt ein kleines Trauma

von (c) Reiner Müller - Inhaber von Angstfreier leben (Angsttherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie)

 

Stand: 23.11.2020 - Lesezeit: 5 Minuten

Für die Ausgabe 2/2020 der Zeitschrift "bewusster leben" schrieb Reiner Müller diesen Artikel über den Zusammenhang von Traumata und Phobien. Die hier vorliegende Version wurde erweitert, aktualisiert und überarbeitet (Stand: 11/2020).

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Panische Angst vor Hunden, Menschenmassen oder Höhenangst? Dann leiden Sie vermutlich an einer Phobie, einer Form der Angststörung. Mehr zu den Ursachen, Symptomen und Therapiemöglichkeiten erklärt uns Reiner Müller.

 

Vielleicht kennen Sie diese Situation. Sie kommen von der Arbeit und gehen die Straße entlang. Es ist regnerisch und trüb. Eine Erkältung macht ihnen zu schaffen und ihr Arbeitstag war anstrengend. Plötzlich taucht an der Straßenecke ein großer Hund auf. Sie haben den Hund nicht kommen sehen und sind zu Tode erschrocken. Sie bekommen Panik. Leiden plötzlich unter körperlichen Beschwerden wie Herzrasen, feuchten Händen, Druck in der Brust, einem Grummeln im Bauch, Schwindel oder Übelkeit.

 

Ein paar Tage später am Wochenende laufen sie durch den Park. Die Sonne scheint. Sie sind entspannt. Am Ende des Weges kommt ihnen ein Zwergpudel entgegen. Sie nehmen schnell die nächste Weggabelung und machen einen Umweg, um dem Hund nicht zu begegnen.

 

Alle Menschen haben Ängste

Manche Ängste sind überlebenswichtig, andere scheinbar nutzlos. War es wirklich notwendig, den Umweg zu machen, um dem kleinen Pudel nicht zu begegnen?

 

Einige Ängste und Schreckreaktionen sind vermutlich angeboren, wie die Angst vor Höhe, dem Fallen, vor lauten Geräuschen, Blitzen und Gewitter, Schmerzen oder Hilflosigkeit. Die meisten Ängste werden im Laufe des Lebens erworben und sind wenig hilfreich.

 

Was ist eine Phobie?

Phobien liegt eine übertriebene Angst vor bestimmten Situationen oder Objekten, die wenig oder gar nicht gefährlich sind, zu Grunde. Dies kann ein kleiner Hund, eine Spinne oder ein anderes Tier sein. Je näher diese kommen, umso größer wird die Angst. Diese wird andauernder und stärker als von ihrer Umgebung wahrgenommen. Das kann dazu führen, dass Betroffene das Gefühl haben, mit ihnen würde etwas nicht stimmen, sie seien gestört oder nicht normal.

 

Spezifische Ängste, und das sind Phobien, werden durch Vögel, Insekten oder andere Tiere, enge oder geschlossene Räume, Verkehrsmittel, Dunkelheit, Fahrstühle, Arztbesuche, verbunden mit Blut oder Spritzen, durch Prüfungen, Schmutz oder Verletzungen hervorgerufen. Dabei können Menschen parallel vor mehreren Dingen Phobien haben. Für die spezifischen Ängste gibt es immer einen Auslöser.

 

Begleitet sind die Phobien von verschiedenen körperlichen Empfindungen, Gedanken und Impulsen für ein bestimmtes Verhalten. Sie sehen einen Hund und bekommen feuchte Hände, Druck in der Brust, ein Grummeln im Bauch, Ihre Beine werden weich, Sie fangen an zu zittern und Ihr Herz schlägt schneller.

 

Vermeidungsverhalten hilft nicht

In Zukunft achten, sie nicht nur auf der Straße, sondern auch im Park und in allen möglichen Situationen darauf, ob vielleicht ein Hund um die Ecke kommen könnte. Sie werden überachtsam und konzentrieren sich darauf, Situationen mit Hunden zu vermeiden und möglichst keinen Hunden zu begegnen. Sie halten Situationen mit Hunden für lebensgefährlich und malen sich aus, was alles passieren könnte, wenn sie einem Hund begegnen. Schon der Anblick eines Hundes auf einem Foto oder in einem Film versetzt sie in Unruhe. Eine Berührung mit einem Hund ist das Schlimmste, was sie sich vorstellen können. Es wäre nicht zu ertragen.

 

Doch das Vermeiden von Begegnungen mit Hunden und Ihre Sicherheitsstrategie, Hunden aus dem Weg zu gehen, führt leider nicht dazu, dass ihre Hundephobie sich auflöst.

 

Angststörungen sind mehr als das Erschrecken vor einer Maus

Sie gehören in Deutschland zu den häufigsten psychischen Störungen in der Bevölkerung. 15% der Bevölkerung, also etwa 10 Millionen Menschen, sind von Angststörungen betroffen. Davon leiden 7 Millionen Menschen in Deutschland unter einer spezifischen Phobie. Sie beginnen meist in der Kindheit oder Jugend und werden oft chronisch. Mit Ausnahme der sozialen Ängste sind Frauen fast doppelt so häufig betroffen wie Männer. Werden die phobischen Reaktionen durch klar abgrenzbare Situationen oder Objekte ausgelöst, spricht man von einer isolierten oder auch spezifischen Phobie. Die generalisierte Angststörung äußert sich dagegen eher durch eine ungerichtete Angst und "sich permanent Sorgen machen".

 

Was sind die häufigsten Ängste?

Doch viel häufiger als Ängste vor Tieren, vor dem Fliegen oder Ängste vor engen oder geschlossenen Räumen, Verkehrsmitteln, Fahrstühlen, Höhen oder Arztbesuchen, verbunden mit Blut oder Spritzen, sind soziale Ängste. Bei der sozialen Phobie, die ebenso wie isolierte Phobien als phobische Störung klassifiziert wird, fällt es den Betroffenen sehr schwer im Mittelpunkt zu stehen und beispielsweise vor anderen zu reden. Sie haben Angst, sich zu blamieren oder aufzufallen. Das eigene Selbstbild von sich ist nicht gut. Sie nehmen sich selbst als inkompetenter oder unattraktiver wahr und befürchten deshalb, von Anderen schlechter bewertet oder abgelehnt zu werden. Sie vermeiden daher entsprechende Konstellationen. Kommen sie beruflich oder privat doch in entsprechende Zwänge, werden sie rot, ihre Stimme wird unsicher oder sie beginnen zu zittern. Nehmen sie die körperlichen Veränderungen wahr, werden diese Menschen dadurch noch unsicherer. Besonders schmerzlich kann es werden, wenn es in einer Prüfung zum Blackout kommt. Die Angst verstärkt sich. Am liebsten wollen sie aus der Situation flüchten. Doch meist geht dies nicht. Sie beginnen den Blickkontakt zu vermeiden, werden einsilbig, die Gedanken werden flüchtig. Ein Entkommen aus dieser unangenehmen Situation scheint nicht möglich.

 

Wodurch entsteht eine Phobie?

Phobien beruhen auf Erfahrungen in der Kindheit. Mitunter führt die kindliche Fantasie zu Ängsten, weil Kinder sich Gewitter oder andere Dinge noch nicht naturwissenschaftlich erklären können. Manche Ängste werden in das Erwachsenenleben hinübergerettet.

Hinter kindlichen Ängsten stehen meist Todesangst oder die Angst vor körperlicher Verletzung der eigenen Person und naher Angehöriger.

 

Ängste können in der Kindheit und Jugend oder im späteren Leben durch traumatische Erlebnisse wie Stürze, Verkehrsunfälle oder Begegnungen mit Hunden erlernt werden. Die erlebte Situation wird für gefährlich gehalten und es entsteht eine Angst vor Wiederholung und den damit verbundenen Schmerzen.

 

Wann spricht man von einem Trauma?

Damit ein Ereignis zu einem Trauma wird, geben wir diesem eine individuelle Bedeutung. Betroffene fühlen eine Hilflosigkeit und Unentrinnbarkeit während der belastenden Situation. Ein Trauma muss nicht durch ein belastendes Erlebnis wie Gewalt, Kriegserfahrung oder Missbrauch ausgelöst werden. Menschen müssen nicht selbst Opfer geworden sein. Traumatisierungen können auch durch Beobachtung oder Berichte im Fernsehen ausgelöst werden.

 

Bei der Kodierung eines Traumas im Gehirn werden nicht nur das Ereignis, die Bedeutung, die wir dem Ereignis geben und die wahrgenommenen Gefühle abgespeichert. Auch der Kontext der Situation, wie die Tageszeit, die Lichtverhältnisse, das Wetter, die Temperatur, die räumlichen Gegebenheiten, die Farbe, die in der Situation auftauchte, der Geruch und andere Merkmale sein, können im Gehirn fixiert werden.

 

Trigger lösen eine Reaktion aus

Kommen wir später in eine Situation, in der eine ähnliche Wetterlage oder Farbe herrschen, es genauso riecht, so kann dies zu Unruhe, Angst, bis hin zu Panik führen. Es kann passieren, dass wir Jahre später, wenn wir nicht so widerstandsfähig sind, auf einmal Angst vor einer Situation oder einem Objekt bekommen, die wir uns nicht erklären können. Die Erklärung ist, dass es ein prägendes Ereignis vielleicht schon aus der frühen Kindheit war und wir den Kontext falsch abgespeichert haben. Der in der Amygdala gespeicherte Trigger löst diese unwillkürliche Reaktion aus.

 

Wie wird eine Phobie behandelt?

Wo Ruhe und Entspannung ist, kann keine Angst und Panik sein. Deshalb helfen Techniken, die zur Verstärkung von Ruhe, Gelassenheit und Entspannung beitragen. Dies können Yoga, Autogenes Training, Atemübungen, Meditation oder Achtsamkeitstrainings sein.

 

Die inneren Erfahrungen wie Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen können distanziert betrachtet werden. So kann überprüft werden, ob die Bewertungen, zum Beispiel, dass eine Situation gefährlich sei oder andere Menschen missgünstig sind, überhaupt stimmen.

 

Auch Hypnose hilft achtsamer, und ruhiger zu werden, Denkmuster, Gefühle und Glaubenssätze zu überprüfen. Unter Anleitung können limitierende Glaubenssätze aufgelöst und durch positive Affirmationen ersetzt werden. In der Hypnose oder mit psychosensorischen Methoden wie Augenbewegungstechniken oder Havening Techniques können die Ursachen, die Prägungsereignisse für die Angst herausgefunden und verändert werden. Zwar ist es nicht möglich, Dinge, die geschehen sind, ungeschehen zu machen, aber mit diesen Techniken kann die Belastung aus diesen Situationen genommen werden. Die Strukturen in der Amygdala im Gehirn können so nachhaltig verändert werden, dass ein Hund oder ein anderes Objekt keine Angst mehr auslöst.

 

(c) Reiner Müller - Angstfreier leben

Der Artikel ist in gekürzter Version erschienen in der Ausgabe 02/2020 des Magazins "bewusster leben"

Titelseite des Magazins "bewusster leben" Ausgabe 2/2020

 

Text: Reiner Müller - © 11/2020
Angsttherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie

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