Endlich mutig sein! Wieviel Angst ist normal?

(c) Screenshot von "Gold meine Zeit!" - 07/2019 - Endlich mutig sein - Interview mit Reiner Müller - Angsttherapeut

NACHGEFRAGT

DER ANGST ENTGEGENTRETEN

 

Gold: Jeder Mensch hat wohl vor irgendetwas Angst. Wie viel davon ist „normal“? 

REINER MÜLLER: Ängste schützen uns vor Gefahren und gehören zum Menschsein dazu. Normal sind zum Beispiel entwicklungsbedingte Ängste, wie beim Kind die Angst vor dem Verlassenwerden durch die Mutter. Nicht mehr normal sind Ängste, wenn sie die persönliche Lebensqualität und Freiheit einschränken, etwa weil es zu Vermeidungsverhalten kommt.

 

Gold: Wie zum Beispiel bei einer Spinnenphobie. Woher kommt die eigentlich?

Die Ursache für eine Spinnenphobie, genauso wie vor anderen Tieren, kann aus einer direkten Konfrontation entstanden sein, in der wir mehr oder weniger hilflos waren. Möglich ist auch, dass sich Ängste der Umgebung, zum Beispiel der Mutter, durch Beobachtung auf das Kind übertragen haben.

 

Gold: Manche Ängste entstehen allerdings ganz plötzlich, scheinbar zusammenhanglos.

Stimmt. In meine Praxis kommen viele Menschen mit vermeintlich unerklärlichen Ängsten und Panikattacken, die sie vorher nicht hatten. Oft stellen wir dann gemeinsam fest, dass diejenigen gerade in einer Umbruchsituation oder Krise ihres Lebens sind. Beispielsweise junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die gerade ihre Ausbildung oder Studium abgeschlossen haben und vor einer ungewissen Zukunft stehen. Panikattacken „aus heiterem Himmel“ treffen außerdem oft Menschen, die sehr kontrolliert sind und immer 120 Prozent geben wollen. Gerade wenn die zur Ruhe kommen und am wenigsten damit rechnen, verschafft sich das Unterbewusstsein einen Weg. Solche Ängste lassen sich aber häufig schon in drei Sitzungen auflösen.

 

Gold: Was kann man selbst gegen Ängste tun?

Betroffene fokussieren sich oft auf schlechte Dinge. Um grundsätzlich sicherer zu werden und Ängste zu überwinden, hilft es, den Blickwinkel zu verändern, sich von Problemen und Sorgen zu Lösungen und alternativen Wegen hinzuwenden. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Stärken und Erfolge. Und trainieren Sie Ruhe und Gelassenheit, zum Beispiel mithilfe von Entspannungstechniken wie autogenem Training oder Selbsthypnose. In Bezug auf eine bestimmte Situation sollte man überprüfen, ob sich die eigene Bewertung der Lage – neutral, positiv oder negativ – ändern lässt. Dabei hilft es auch, sein Wissen zu erweitern: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein vermutetes Ereignis eintritt?

 

Gold: Wann wird es Zeit für professionelle Hilfe?

Zum Beispiel wenn Objekte oder Situationen, die objektiv nicht oder wenig gefährlich sind, dazu führen, dass Sie permanent Angst verspüren oder diese vermeiden. Wenn Gedanken sich immer wieder darum drehen oder Zwangshandlungen auftreten. Kurz: Wenn Ängste für Sie selbst oder für Ihre Umgebung zur massiven Belastung werden. Ziel eines Coachings ist nicht, gar keine Ängste mehr zu haben. Aber den Umgang mit der Angst können wir verändern.

 

REINER MÜLLER

studierte Psychologie und Pädagogik (Diplom-Pädagoge). Als Heilpraktiker für Psychotherapie und Angsttherapeut ist er in seiner Praxis in Berlin auf die Behandlung von Ängsten, Phobien und Panikattacken spezialisiert.

www.angstfreier-leben.de

 

 

5 Übungen für mehr Mut

(c) Screenshot von "Gold meine Zeit!" - 07/2019 - Interview mit Coach und Angsttherapeut Reiner Müller

ZUM NACHMACHEN

FÜNF ÜBUNGEN FÜR MEHR MUT

von Reiner Müller - Coach und Angsttherapeut

 

1. AKTIV WERDEN

Machen Sie nicht die Umstände und andere Menschen für Ihr Leben verantwortlich. Übernehmen Sie die Verantwortung, und verlassen Sie die Opferrolle – werden Sie zur handelnden Person in Ihrem Leben.

 

2. MIT ANDEREN REDEN

Suchen Sie sich Menschen, die Sie unterstützen. Reden Sie sich Ängste von der Seele – bei Menschen, die Ihnen zuhören und Sie annehmen, wie Sie sind.

 

3. ERFOLGE BEWUSST MACHEN

Schreiben Sie eine Liste mit Ihren Erfolgen. Auch wenn Ihnen am Anfang vielleicht nur wenige einfallen, wird diese mit der Zeit immer länger. Sie haben schließlich schon wichtige Prüfungen bestanden und sind tapfer gewesen. Hängen Sie die Liste an Ihren Badezimmerspiegel, oder lesen Sie sie sich jeden Abend vor dem Einschlafen durch.

 

4. RAUS AUS DER KOMFORTZONE

Dehnen Sie Ihre persönlichen Grenzen im Alltag aus, indem Sie unbequeme oder ungewohnte Dinge tun. Ändern Sie zum Beispiel Ihren Arbeitsweg, oder sprechen Sie einfach mal fremde Menschen an.

 

5. NEUES AUSPROBIEREN

Machen Sie etwas, da Sie noch nie getan haben. Fahren Sie im Urlaub in ein Land, dessen Sprache Sie nicht sprechen. Hinterher werden Sie stolz auf sich sein und mehr Selbstbewusstsein spüren.

 

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