„Du bist o. k.“ – Von Vergebung und Selbstvergebung

(c) Reiner Müller - Angsttherapeut – Herbstlicher Feldweg

„Du bist o. k.“ – Dein Weg zu Vergebung und Selbstvergebung

von (c) Reiner Müller (Angsttherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie)

 

 

Wenn Gefühle lähmen

Im Alltag können wir in Situationen geraten, in denen wir uns wie gelähmt fühlen. Plötzlich empfinden wir große Angst, Wut oder auch Scham. Dann fällt es schwer, diese Gefühle zu kontrollieren.

Wenn diese Gefühle das alltägliche Leben belasten oder unerwartet und heftig ausbrechen, haben sie ihren Ursprung meist in vergangenen Erlebnissen mit anderen Menschen, die nicht verarbeitet wurden. Sie schwelen unbemerkt im Unterbewusstsein, bis sie ausgelöst durch einen äußeren Reiz, einem Trigger, wieder zu Tage treten und wie aus einem Vulkan aus uns herausbrechen.

Wir verbinden Gefühle und Personen mit Erlebnissen. Der Person, die wir als Täter mit dem Erlebnis verknüpfen, das Ursache der lähmenden Gefühle ist, können wir nur schwer vergeben. Aber was bedeutet Vergebung überhaupt? Warum ist es erstrebenswert, jemandem zu vergeben, der uns Leid angetan hat? Und wie gelingt es, diesen Schritt der Vergebung gehen?

 

Was bedeutet Vergebung?

In unserer Gesellschaft ist der Begriff der Vergebung mit einer Reihe von Missverständnissen verknüpft. Vielen Menschen fällt es aufgrund dieser Fehlinterpretationen von Vergebung schwer, einen Prozess des Vergebens anzustoßen.

Häufig wird Vergebung damit gleichgesetzt, etwas zu entschuldigen oder gar gut zu heißen. Man denkt vielleicht, man würde den Täter von seiner Schuld und deren Konsequenzen befreien. Dabei dient das Vergeben in erster Linie nicht dem Verursacher der Verletzung. Vergebung hilft stattdessen dem Verletzten selbst, der sich in diesem Prozess von seinem Ärger und seiner Wut gegenüber dem Täter befreit. Vergebung bedeutet also in erster Linie, den Ärger auf eine andere Person zu beenden und frei zu werden. Dabei ist es hilfreich, den Täter mit seinen Hintergründen zu verstehen und ihn als Menschen wahrzunehmen. Es geht nicht darum, seine Tat zu rechtfertigen.

In einer Gesellschaft, die durch das Christentum und seine Maxime „Liebe Deinen Nächsten“ geprägt ist, wird Vergebung häufig mit einem Gefühl der Liebe in Verbindung gebracht. Vergebung verlangt weder Liebe noch Mitgefühl für den Täter. Meist existiert neben dem Groll gegenüber dieser Person keine weitere emotionale Verbindung. So führt Vergebung dazu, dass diese unangenehmen Gefühle aufgelöst werden und im Anschluss keinerlei emotionale Regung in Bezug auf diese Person stattfindet.

Das ist daher das Ziel der Vergebung: die emotionale Loslösung vom Täter und die Befreiung von belastenden Gefühlen, die das emotionale belastende Ereignis ausgelöst hat.

 

Wie kann Vergebung gelingen

Vergebung ist ein bewusster Prozess. Sie geschieht weder zufällig noch tritt sie automatisch ein, wenn „genügend“ Zeit vergangen ist. Der erste Schritt ist immer das aktive Befreien aus der Opferrolle. Denn mit Gefühlen wie Groll, Wut oder Hass begeben wir uns in eine Opferposition und werden dadurch passiv und handlungsunfähig. Der Täter erhält, unter Umständen auch unwissentlich, Macht über uns. In dem Moment, in dem wir uns unsere Verletzung bewusst gemacht und die Tat als solche erkannt haben, werden wir bereits aktiv. Dadurch können wir unsere Opferrolle verlassen. Im Prozess des Bewusstmachens kann eine Anleitung durch einen Coach oder Therapeuten im Wachzustand oder in Hypnose hilfreich sein. Da in der Hypnose das Bewusstsein als Bedenkenträger in den Hintergrund tritt, fällt das Vergeben in diesem Zustand oft leichter.

Gefühlen wie Wut oder Hass einen Raum zur Abreaktion zu geben, hat sich als unterstützende Methode bewährt. Häufig neigen wir dazu, diese ungeliebten Gefühle zu unterdrücken und versuchen, sie zu ignorieren. Deswegen wirkt es befreiend, ihnen verbal oder körperlich in Form von Schlägen auf ein Kissen ein Ventil zu geben. Auch wenn nur durch diese Abreaktion keine langfristige Loslösung erzielt wird, ist sie in Begleitung einer therapeutischen Behandlung eine gute Unterstützung auf dem Weg zur nachhaltigen Vergebung.

 

Ein Geschenk an Dich selbst

Im Rahmen eines therapeutisch begleiteten Vergebungsprozess hat sich die Methode des Positionswechsel als hilfreich erwiesen. Dabei nimmt der oder die Verletze die Position des Täters ein. Durch die Vorstellung möglicher Motive und Hintergründe entwickelt sich ein Verständnis für die Tat. Dem imaginierten Täter wird damit die Möglichkeit gegeben, um Vergebung zu bitten. Dabei dient der Akt des Vergebens niemals dem Täter, sondern stets dem Opfer, das sich so von den belastenden Gefühlen gegenüber dem Täter löst.

Vergebung ist ein Geschenk an Dich selbst. Während der Täter von diesem Prozess nicht profitiert, ermöglichst Du Dir damit, Dich von ihm und den durch die Tat ausgelösten Gefühlen zu befreien. So kannst Du frei werden.

 

Selbstvergebung: „Es ist nicht Deine Schuld“

Opfer neigen dazu, unbewusst Schuldgefühle zu empfinden. Diese können direkt mit dem Erlebten verknüpft sein. So geben sich Kinder mitunter für den Streit der Eltern die Schuld. Schuldgefühle münden nicht selten in unbewusste Handlungen der Selbstbestrafung, Selbstverletzung oder Verletzung von anderen Menschen und sind häufig Ursache von zerstörerischem Verhalten. Umso wichtiger ist daher der Prozess der Selbstvergebung auf dem Weg zu einem befreiten und zufriedenen Leben.

Vergebung ist eng mit dem Prozess der Selbstvergebung verknüpft. Das Gefühl der Selbstschuld muss aufgelöst werden, um wirklich frei zu werden. Ähnlich wie bei der Vergebung einer anderen Person ist es notwendig, sich den Hintergründen der eigenen Fehler bewusst zu werden. Das daraus resultierende Verständnis für das eigene Handeln oder Verhalten ermöglicht die Selbstvergebung. Dadurch wird deutlich: „Es ist nicht Deine Schuld. Du bist o. k.“.

Vergebung und Selbstvergebung sind der Weg in Deine Freiheit. Damit Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind, keine Macht mehr über Dich haben, und Du wirklich frei werden kannst.

 

Text: Reiner Müller - © 2019/10

Angsttherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie

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