Atemtechniken bei Panikattacken und Angst: 9 wirksame Übungen zur Beruhigung

Eine junge Frau steht am Meer. Der Himmel ist wolkig und düster. Sie hat beide Hände vor der Brust verschränkt und die Augen geschlossen. Sie konzentriert sich auf ihren Atem, um zur Ruhe zu kommen.

Atemtechniken bei Panikattacken und Angst: 9 wirksame Übungen zur Beruhigung

Kennst Du das Gefühl, wenn die innere Unruhe plötzlich da ist? Der Atem wird flacher, das Herz schlägt schneller, und Du hast das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Vielleicht hast Du schon einmal erlebt, wie sich eine Panikattacke anfühlt, und weißt, wie überwältigend das sein kann.

Du bist damit nicht allein. Panikattacken und Angstzustände gehören zu den häufigsten psychischen Belastungen überhaupt. Doch es gibt eine einfache und jederzeit verfügbare Ressource, die Dir helfen kann: Deinen eigenen Atem.

In diesem Artikel stelle ich Dir neun Atemtechniken vor, die dabei helfen, Angst und Panik wirksam zu reduzieren. Du erfährst, wie bewusstes Atmen Dein Nervensystem beruhigt, und lernst konkrete Übungen kennen, die Du sofort anwenden kannst.


1. Die Bedeutung der Atmung bei Panikattacken und Angst

In stressigen Situationen neigt der Körper dazu, flach und schnell zu atmen. Diese Art der Atmung signalisiert dem Gehirn, dass eine Gefahr besteht, und hält das Nervensystem in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Das verstärkt Angstgefühle und kann eine Panikattacke auslösen oder aufrechterhalten.

Körper und Geist bilden eine Einheit. Wenn Du tief und langsam atmest, sendest Du Deinem Gehirn das Signal, dass keine unmittelbare Bedrohung vorliegt. Das parasympathische Nervensystem wird aktiviert, der Adrenalinspiegel sinkt, und der Körper kommt zur Ruhe.

Atemtechniken sind kein Zaubermittel, aber ein sehr wirksames Werkzeug. Sie helfen Dir, den Kreislauf aus Angst und flacher Atmung zu unterbrechen, und geben Dir die Kontrolle zurück.

Eine grundlegende Technik, die gut als Einstieg geeignet ist, ist die Bauchatmung: Setze Dich bequem hin und lege eine Hand auf Deinen Bauch. Atme tief durch die Nase ein und spüre, wie sich Dein Bauch nach außen ausdehnt. Atme dann langsam durch den Mund aus, bis sich der Bauch wieder senkt. Wiederhole das mehrmals und richte Deine Aufmerksamkeit ganz auf die Bewegung Deines Bauches. Diese einfache Übung bildet die Grundlage für alle weiteren Techniken in diesem Artikel.


2. Video: Zwei Atemtechniken zur Beruhigung zum Mitmachen

Du spürst Anspannung oder innere Unruhe, zum Beispiel vor einem Vortrag, einer Präsentation oder einer Prüfung? Im folgenden Video zeige ich Dir zwei der hier beschriebenen Atemtechniken, die schnell und unkompliziert wirken.

 

Schaue Dir bitte jetzt das Video an. Erfahre wie Reiner Müller arbeitet und lerne gleich zwei Atemtechniken beim Mitmachen kennen.


3. Die 4-7-8-Atemtechnik: Sofortige Beruhigung bei Angst

Die 4-7-8-Atemtechnik ist eine der bekanntesten Methoden zur schnellen Beruhigung bei Angstzuständen und Panikattacken. Sie beruht darauf, die Ausatmung gezielt zu verlängern, was das Nervensystem direkt beruhigt.

So wird die Übung durchgeführt:

  1. Setze Dich in eine bequeme Position und schließe Deine Augen.
  2. Atme durch die Nase ein und zähle dabei innerlich bis vier.
  3. Halte den Atem an und zähle bis sieben.
  4. Atme langsam durch den Mund aus und zähle bis acht.
  5. Wiederhole diesen Zyklus viermal.

Die verlängerte Ausatmung ist der entscheidende Wirkmechanismus: Sie aktiviert den Vagusnerv und bremst die Stressreaktion des Körpers. Gleichzeitig lenkt die Konzentration auf das Zählen die Aufmerksamkeit weg von ängstlichen Gedanken.

Probiere diese Technik aus, wenn Du Dich gestresst oder innerlich angespannt fühlst. Je regelmäßiger Du sie übst, desto schneller zeigt sie in akuten Situationen Wirkung.


4. Arme nach vorne und zur Seite: Atemübung mit Bewegung

Diese Übung verbindet bewusste Atmung mit einer einfachen Körperbewegung und ist besonders geeignet, wenn Du merkst, dass sich körperliche Anspannung aufbaut.

So geht die Übung:

Atme tief ein und breite dabei Deine Arme zur Seite aus. Beim Ausatmen führst Du die Arme wieder nach vorne zusammen. Achte darauf, dass die Ausatmung etwas länger dauert als die Einatmung. Wiederhole die Bewegung 10 bis 20 Mal. Am Ende schüttelst Du die Arme locker nach unten aus, um die restliche Anspannung loszulassen.

Die Kombination aus Atembewegung und Körperwahrnehmung lenkt die Aufmerksamkeit weg von den ängstlichen Gedanken hin zum Körpererleben, was den Beruhigungsprozess deutlich beschleunigt.


5. Obst pflücken: Atemübung mit Augenbewegung

Die Obst-pflücken-Übung wirkt auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Sie koordiniert Atmung, Bewegung und Augenbewegungen, was nachweislich zur Beruhigung des Nervensystems beiträgt.

So geht die Übung:

Tritt mit dem rechten Bein einen Schritt nach vorne und hebe dabei den rechten Arm nach oben, während Du tief einatmest. Stelle Dir vor, Du greifst nach einer Frucht am Baum, zum Beispiel einem Apfel. Tritt dann mit dem rechten Bein zurück, senke den Arm, öffne die Hand und lass die imaginäre Frucht fallen, während Du ausatmest.

Wiederhole die Bewegung nun mit dem linken Bein und dem linken Arm. Folge dabei mit den Augen der Bewegung Deiner Hand, von unten nach oben und wieder zurück. Führe 10 bis 20 Wiederholungen durch und schüttle am Ende Hände und Arme locker aus.

Die bewusste Augenbewegung ist kein zufälliges Detail: Sie unterstützt die bilaterale Stimulation des Gehirns, die auch in anderen Therapiemethoden wie EMDR genutzt wird, um belastende Zustände zu regulieren.


6. Meeresatmung: Entspannung durch Rhythmus und innere Bilder

Die Meeresatmung verbindet eine beruhigende Imagination mit einem gleichmäßigen Atemrhythmus und ist besonders geeignet für Momente, in denen Du zur Ruhe kommen möchtest, aber keine körperliche Bewegung machen kannst oder willst.

So geht die Übung:

Setze Dich hin, schließe die Augen und stelle Dir vor, wie Wellen gleichmäßig an einen Strand rollen und wieder zurückfließen. Atme im Rhythmus dieser Vorstellung ein und aus, ohne Pause dazwischen. Zähle beim Einatmen bis fünf und beim Ausatmen ebenfalls bis fünf. Angestrebt werden etwa fünf Atemzüge pro Minute.

Dieser langsame, gleichmäßige Rhythmus entspricht der sogenannten Resonanzatmung, die in der Stressforschung gut dokumentiert ist und die Herzratenvariabilität positiv beeinflusst. Die innere Vorstellung des Meeres verstärkt die Wirkung zusätzlich.


7. Zwerchfellatmung (Bauchatmung): Der natürliche Weg zur Entspannung

Die Zwerchfellatmung, auch diaphragmatische Atmung oder Bauchatmung genannt, ist die physiologisch natürlichste Art zu atmen. Bei Stress atmen die meisten Menschen zu flach und zu sehr in den Brustbereich. Die Zwerchfellatmung kehrt das um und bringt den Körper in einen Zustand tiefer Ruhe.

Drei Varianten zum Üben:

Variante 1 – Im Liegen

Lege Dich auf den Rücken und platziere eine Hand auf dem Bauch, die andere auf der Brust. Atme durch die Nase ein und spüre, wie sich der Bauch hebt. Beim Ausatmen durch den Mund senkt er sich wieder. Konzentriere Dich ganz auf diese Bewegung und wiederhole die Übung mehrmals.

Variante 2 – Im Sitzen

Setze Dich aufrecht hin und lege eine Hand auf den Bauch. Atme durch die Nase ein und zähle bis vier. Halte den Atem kurz an, atme dann durch den Mund aus und zähle bis sechs. Die Ausatmung ist also länger als die Einatmung. Wiederhole das mehrfach.

Variante 3 – Im Stehen

Stelle Dich aufrecht hin und lege die Hände auf die Taille. Beim Einatmen durch die Nase bewegt sich die Taille nach außen und vorne, beim Ausatmen durch den Mund zieht sie sich wieder zusammen. Versuche, die Atmung mit dieser Bewegung zu synchronisieren.

Wenn Du die Zwerchfellatmung regelmäßig übst, auch außerhalb akuter Situationen, wirst Du mit der Zeit feststellen, dass Du in stressigen Momenten deutlich schneller zur Ruhe kommst.


8. Progressive Muskelentspannung mit Atemkontrolle

Die progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson verbindet das bewusste An- und Entspannen von Muskelgruppen mit tiefer Atmung. Sie ist eine der am besten erforschten Entspannungsmethoden und wirkt sowohl bei körperlicher Anspannung als auch bei innerer Unruhe.

So geht die Übung:

Beginne mit den Händen und Armen. Spanne die Muskeln beim Einatmen an, halte die Spannung kurz, und lass sie beim Ausatmen vollständig los. Wiederhole das dreimal pro Muskelgruppe. Arbeite Dich dann langsam durch den Körper: Beine, Bauch, Rücken, Schultern, Nacken.

Das Wechselspiel aus Anspannung und Loslassen macht körperliche Verspannungen spürbar und erleichtert es, sie gezielt loszulassen. In Kombination mit einer ruhigen, tiefen Atmung, bei der Du den Bauchraum beim Einatmen ausdehnst und beim Ausatmen entspannst, verstärkt sich die beruhigende Wirkung deutlich.


9. Notfall-Atemübung für akute Panikattacken

Wenn eine Panikattacke akut ist und Du sofortige Erleichterung brauchst, bietet diese vereinfachte Atemübung eine schnelle und überall anwendbare Hilfe.

So geht die Übung:

Setze Dich, wenn möglich, hin oder lege Dich hin. Schließe die Augen und richte Deine Aufmerksamkeit auf den Atem. Atme tief durch die Nase ein und zähle bis vier. Halte den Atem kurz an. Atme dann langsam durch den Mund aus und zähle bis sechs. Wiederhole das, bis Du spürst, wie sich die Anspannung löst.

Diese Übung ist im Grunde eine vereinfachte Form der Zwerchfellatmung. Die verlängerte Ausatmung bremst den Kampf-oder-Flucht-Modus des Körpers, aktiviert das parasympathische Nervensystem und leitet die Entspannungsreaktion ein.

Wichtig ist, diese Technik auch in ruhigen Momenten zu üben, damit sie in einer akuten Situation automatisch abrufbar ist.


Schlussfolgerung: Atemtechniken als Teil einer wirksamen Angststrategie

Atemtechniken sind kein Ersatz für eine Therapie, aber sie sind ein wirksames und jederzeit verfügbares Werkzeug im Umgang mit Angst und Panikattacken. Ob die 4-7-8-Methode, die Zwerchfellatmung oder eine der Bewegungsübungen, jede dieser Techniken kann Dir helfen, in belastenden Momenten die Kontrolle zurückzugewinnen.

Der entscheidende Faktor ist regelmäßiges Üben. Wer die Techniken kennt, sie aber nur in der Krise zum ersten Mal ausprobiert, wird wenig davon profitieren. Schaffe Dir eine kurze tägliche Auszeit, in der Du gezielt eine dieser Übungen praktizierst, zum Beispiel morgens vor dem Start in den Tag oder abends zur Entspannung.

Atemtechniken lassen sich gut mit anderen Therapie- und Coachingmethoden verbinden und verstärken deren Wirkung. Wenn Du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, findest Du am Ende dieses Artikels weiterführende Bücher und andere Artikel von Angstfreier leben.


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Über Reiner Müller

Reiner Müller ist Heilpraktiker für Psychotherapie, systemischer Therapeut und Coach mit Praxis in Berlin-Mitte und Onlineberatung. Er verfügt über mehr als 35 Jahre Berufserfahrung, davon über 25 Jahre als Führungskraft in der Sozialwirtschaft, zuletzt als Bereichsleiter für eine Abteilung mit über 80 Mitarbeitern an fünf Standorten.

Er studierte Erziehungswissenschaften im Hauptfach und Psychologie im Nebenfach (Diplom-Pädagoge) und erwarb später den Abschluss als Master of Business Administration. Zu seinen therapeutischen Zertifizierungen zählen NLP-Master, Traumatherapeut, Hypnosetherapeut und Havening Techniques Practitioner.

Nach mehr als 3.000 Behandlungen hat er eine strukturierte Systemlösung entwickelt, mit der Ängste und Panikattacken in der Regel in weniger als zehn Sitzungen wirksam und nachhaltig aufgelöst werden können.


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